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Was ist eigentlich die Orgasmus_lücke?

katrinina
12. Okt.
3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 13. Okt.

Noch eine Lücke – haben wir mit Gender Pay Gap, Gender Health Gap und Co. nicht schon genug?

Wir sagen: Nein.

Auch diese Lücke hat es verdient, benannt zu werden. Denn sie beschreibt einen ziemlich markanten, ja vielleicht sogar provokanten Unterschied. Und sie zeigt, wie weit Geschlechterstereotype reichen. Nämlich bis in unsere Schlafzimmer.


Aber von vorne.


Die Orgasmus_lücke, im Englischen auch Orgasm Gap genannt, beschreibt den Unterschied in der Orgasmushäufigkeit zwischen Frauen und Männern beim heterosexuellen Sex. Konkret bedeutet das: Frauen kommen beim heterosexuellen Sex deutlich weniger als Männer.

Und das ist nicht einfach nur eine Vermutung, sondern wissenschaftlich gut dokumentiert. Die Sexualwissenschaftler*innen Nicola Döring und Rohangis Mohseni (2022) haben in einer Übersichtsarbeit die Ergebnisse zahlreicher Studien zur Orgasmus_lücke zusammengetragen.

Das Ergebnis? Während Männer mit einer Häufigkeit von 70 bis 100 % zum Orgasmus kommen, sind es bei Frauen nur 30 bis 60 %.


Die Orgamus_lücke zeigt sich besonders deutlich bei heterosexuellen, cis Personen. Cis bedeutet sich mit dem Geschlecht zu identifizieren, welches einem bei der Geburt zugewiesen wurde.


Frederick et al. (2018) untersuchten die Orgasmushäufigkeit von mehr als 52.000 Menschen in den USA über unterschiedliche sexuelle Orientierungen hinweg. 

Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede:

Sexuelle Orientierung

Frauen

Männer

Heterosexuell

65 %

95 %

Bisexuell

66 %

88 %

Homosexuell

86 %

89 %

Während 95 % der heterosexuellen Männer berichteten, gewöhnlich oder immer zum Orgasmus zu kommen, waren es bei heterosexuellen Frauen nur 65 %.

Bei lesbischen Frauen hingegen lag dieser Anteil bei 86 %.

Lies das ruhig noch einmal.

Frauen, die Sex mit Frauen haben, berichten deutlich häufiger von Orgasmen als heterosexuelle Frauen.


Das wirft doch eine ziemlich entscheidende Frage auf: Wenn Frauen beim Sex mit Frauen häufiger zum Orgasmus kommen, liegt das Problem dann wirklich daran, dass Frauen (laut gesellschaftlichen Annahmen) “schwieriger” zum Orgasmus kommen?

Oder sollten wir vielleicht einmal genauer hinschauen, wie heterosexueller Sex gestaltet wird?


Auch der Vergleich mit Masturbation ist aufschlussreich.

Denn wenn Frauen ihren eigenen Körper stimulieren, können sie selbst bestimmen, welche Berührungen sich gut anfühlen, wie intensiv diese sein sollen und wie lange sie dauern. Ein wichtiger Unterschied zum partnerschaftlichen Sex könnte deshalb die Art der Stimulation sein. Denn bei der Masturbation findet die Klitoriseichel mehr Beachtung als beim heterosexuellen Sex. Auch die Forschung zeigt, dass die Einbeziehung klitoraler Stimulation (insb. Klitoriseichel) mit einer höheren Orgasmushäufigkeit verbunden ist (Döring & Mohseni, 2022).


Das macht eines deutlich: Wir sollten weniger darüber sprechen, warum Frauen vermeintlich so schwer zum Orgasmus kommen, und mehr darüber, welche Formen der Stimulation beim Sex überhaupt Raum bekommen.


Ist die Orgasmus_lücke also nur eine Frage der sexuellen Orientierung?

Ganz so einfach ist es nicht.Denn hinter den Zahlen stecken Menschen, ihre individuellen Bedürfnisse und die Vorstellungen davon, wie Sex abzulaufen hat.

Unsere Sexualität ist schließlich nicht losgelöst von der Gesellschaft, in der wir leben. Geschlechterrollen, Erwartungen und Machtverhältnisse verschwinden nicht automatisch, sobald wir unsere Kleidung ausziehen. Wer übernimmt die Initiative? Wessen Bedürfnisse stehen im Vordergrund? Wer traut sich, Wünsche zu äußern? Und warum gilt Sex häufig dann als beendet, wenn der Mann zum Orgasmus gekommen ist?

Diese Fragen zeigen, dass es bei der Orgasmus_lücke um mehr geht als um biologische Unterschiede oder sexuelle Orientierung. Es geht auch darum, wessen Lust wir als selbstverständlich betrachten und wessen Lust noch immer zu oft zur Nebensache wird. Eine Lücke, über die wir sprechen sollten!


Natürlich muss nicht jeder Sex mit einem Orgasmus enden. Ein Orgasmus ist weder Pflicht noch der einzige Maßstab für guten Sex. Aber wenn über zahlreiche Studien hinweg immer wieder dieselbe Ungleichheit sichtbar wird, sollten wir uns fragen, warum das so ist.


Denn die Orgasmus_lücke zeigt nicht, dass mit weiblicher Lust etwas nicht stimmt. Sie fordert uns vielmehr dazu auf, unsere Vorstellungen von Sex zu hinterfragen. Und vielleicht ist genau das der erste Schritt, um diese Lücke irgendwann zu schließen.

Denn Gleichberechtigung sollte nicht an der Schlafzimmertür enden. Zeit das Patriarchat von der Bettkante zu stoßen!



Quellen

Döring, N., & Mohseni, R. (2022). Der Gender Orgasm Gap: Ein kritischer Forschungsüberblick zu Geschlechterdifferenzen in der Orgasmus-Häufigkeit beim Heterosex. Zeitschrift für Sexualforschung. Volltext

Frederick, D. A., St. John, H. K., Garcia, J. R., & Lloyd, E. A. (2018). Differences in orgasm frequency among gay, lesbian, bisexual, and heterosexual men and women in a U.S. national sample. Archives of Sexual Behavior, 47, 273–288. https://doi.org/10.1007/s10508-017-0939-z



 
 
 

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